Queere Perspektiven auf die Polizei

By
Esche
May 21, 2026

Eine erste Version dieses Texts entstand beim CSD 2022 als in Mainz queere Aktivist*innen mit einem Transparent gegen die dortige Präsenz der Polizei protestierten und Flyer verteilten. Für das Verteilen des Textes wurden damals von der Polizei Platzverweise angedroht und die Polizei verstärkte ihre Präsenz. 2 Jahre später erschien eine überarbeitete Version als Gastbeitrag im offiziellen Programmheft des CSDs.

Gastbeitrag: Queere Perspektiven auf die Polizei

Am 28. Juni 1969 wehrten sich die Gäste der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street gegen die wiederkehrenden, gewalttätigen und queerfeindlichen Razzien der Polizei. Ein Auftakt - für tagelange Straßenschlachten mit der New Yorker Polizei. Besonders trans Personen, Latinos, Schwarze und Dragqueens waren beteiligt. In Gedenken an diesen Tag wurde das "Christopher Street Liberation Day
Committee"gegründet.

Auch in Deutschland finden bis heute CSDs statt, verbunden mit der Forderung nach einem Ende der Diskriminierung. Die Polizei stellte sich oft gewalttätig
dagegen. Erst 2004 kam der letzte, wegen seiner Sexualität verhaftete Homosexuelle aus dem Gefängnis und noch bis in die 2000er ließ die Hamburger Polizei die queere Community verdeckt überwachen.

Die Polizei als ambivalente Organisation

Mittlerweile investiert die Polizei stark in Öffentlichkeitsarbeit und ist somit auf vielen CSDs präsent. Ihre queerfeindliche Geschichte soll der Vergangenheit
angehören, ist dabei jedoch kaum aufgearbeitet worden. Auch aktuelle Fälle wie derNSU 2.0 im Frankfurter 1. Revier oder die Ermordung Oury Jallohs warten auf ihre Aufarbeitung.

Während einige die Polizei heutzutage als schützende Instanz vor jeglicher Gewalt schätzen, fürchten andere sie gerade wegen ihrer Gewalt. Diese Erfahrungen sind geprägt von Diskriminierung und fehlerhaftem Ermessen, abhängig von sozialen Faktoren, Vermögen und Hautfarbe. Besonders Suchtkranke, Arme und Obdachlose stehen in einem verstärkten Fokus. Aber auch Migrant*innen, die durch die Polizei in
Länder abgeschoben werden, in denen ihnen aufgrund ihrer Sexualität oder ihres
Geschlechts die Verfolgung droht, fürchten allgegenwärtiges Unverständnis.

Forderungen an die Zukunft

Es gibt noch immer keine unabhängigen Meldestellen für Polizeigewalt, wie es
Menschenrechtsorganisationen und die EU fordern. Auch eine Studie zu Rassismus
in der Polizei wurde durch das Innenministerium in Teilen blockiert. Dabei muss gerade eine Organisation, die uns sowohl schützen, als auch gefährlich werden kann, kontrollierbar sein – und damit auch transparent.

Es ist wichtig, die verschiedenen Perspektiven auf die Polizei anzuerkennen und zu verstehen, warum sie so unterschiedlich sein können. Doch
diese Rücksichtnahme fehlt in der polizeilichen Offentlichkeitsarbeit. Einige fühlen sich in Polizeidarstellungen unsichtbar gemacht, für andere ist die Polizei ein Angstfaktor. Manche vertreten die Forderung nach einem Ende von Polizeiständen auf CSDs, denn besonders von Polizeigewalt Betroffene haben es schwer, auf Veranstaltungen teilzunehmen, an denen die Polizeipräsenz deutlich sichtbar ist. Sie finden sich in einem Widerspruch mit ihren Erfahrungen, konfrontiert mit ihren Ängsten. Sie müssen mitgedacht werden, denn der CSD ist Ein Ort für alle Menschen.

Nachtrag

Ein paar Forderungen, die bei vielen CSDs noch fehlen:

  • Entschädigung für alle, die in Deutschland aufgrund ihrer Sexualität verfolgt wurden
  • Wissenschaftliche Aufarbeitung der internen Polizeiakten über die Überwachung und Verfolgung queerer Menschen
  • Melde- und Ermittlungsstellen für Polizeigewalt